UNTERNEHMENSFÜHRUNG ZWISCHEN SCHACH, RISIKO UND POKER
Mai 2026
Die Zeiten, in denen Unternehmensführung einer anspruchsvollen Schachpartie glich, sind vorbei. Strategie bleibt zwar entscheidend – doch geopolitische Machtverschiebungen und politische Unberechenbarkeit verändern das Spielfeld fundamental. Wer heute führt, muss mehr können, als nur den nächsten Zug planen: Er muss die eigene Organisation fit machen für mehrere Spiele gleichzeitig.
Als Stefan Zweig 1941 im brasilianischen Exil seine Schachnovelle schrieb, befand sich Europa in einer existenziellen Krise: Staaten zerfielen, Grenzen verschoben sich, und eine Welt, die über Jahrzehnte von Handel, Mobilität und kulturellem Austausch geprägt gewesen war, versank im Krieg.
Umso bemerkenswerter ist das Spiel, das im Zentrum seiner Geschichte steht: ein System mit klaren Regeln, begrenztem Spielfeld und festgelegten Bewegungen. Und ein Spiel, das mit zweiunddreissig Figuren eine unendliche Zahl unterschiedlicher Partien möglich macht.
Gerade diese Mischung aus Ordnung und Komplexität macht den Reiz des Schachspiels aus. Erfolg entsteht nicht durch Zufall, sondern durch Weitsicht: Wer mehrere Züge vorausdenken kann, gewinnt.
Lange Zeit liess sich auch die Weltwirtschaft so beschreiben: Unternehmen bewegten sich auf einem Spielfeld, dessen Regeln weitgehend bekannt waren. Märkte öffneten sich, Lieferketten wurden global organisiert, Kapital floss über Grenzen hinweg, und Wettbewerb folgte einer relativ stabilen Ordnung.
Heute ist die Weltwirtschaft kaum noch mit einer klassischen Schachpartie zu vergleichen, sondern gleicht einem hybriden Mix aus Schach, Risiko und Poker. Nach wie vor werden Schachkompetenzen benötigt und strategisches Denken bleibt unabdingbar. Doch zeitgleich verschieben sich geopolitische Kräfteverhältnisse: Einflusszonen verändern sich, neue industrielle Machtzentren entstehen, politische Entscheidungen überlagern die wirtschaftliche Logik. Und in manchen Arenen wird Poker gespielt – mit taktischem Druck, politischer Ablenkung und kalkulierter Unberechenbarkeit. Für Unternehmen bedeutet das: Sie müssen strategisch denken wie im Schach, geopolitisch agieren wie im Risiko und gleichzeitig politische Signale interpretieren, die an ein Pokerspiel erinnern. Doch die grösste Herausforderung: Alle drei Spiele finden parallel und im Gleichlauf statt.
Neue Spieler, neue Regeln. Aber kein neues Phänomen.
Solche Epochen hat es in der Wirtschaftsgeschichte immer wieder gegeben. Als im 19. Jahrhundert Eisenbahnnetze Europa und Nordamerika durchzogen, verbanden sich zuvor getrennte Märkte, neue Industrien entstanden, und Unternehmen mussten in einem Raum agieren, der plötzlich grösser, schneller und komplexer geworden war. Das Spielfeld hatte sich erweitert. Doch die heutige Dynamik geht noch einen Schritt weiter: Die Spielfelder überlagern sich.
China zeigt exemplarisch, wie sich ein Spielfeld innert weniger Jahrzehnten verschiebt: Vom agrarisch geprägten Land entwickelte es sich zuerst zur globalen Werkbank und später zum Zentrum industrieller Skalierung. Heute präsentiert sich China als führende Industrienation und setzt technologische Standards in Automatisierung, Robotik und Künstlicher Intelligenz. Innovationszyklen verkürzen sich, industrielle Ökosysteme entstehen in rasantem Tempo, und ganze Produktionssysteme werden in kürzester Zeit hochgezogen – eine Entwicklung, die traditionelle Industriezentren unter grossen Druck setzt. Die Folge: Wettbewerb findet heute immer seltener zwischen einzelnen Unternehmen statt, sondern zwischen industriellen Ökosystemen. Während viele Unternehmen noch versuchen, eine klassische Schachpartie zu spielen, hat sich das Spiel längst verändert: Neue Figuren sind hinzugekommen, mehrere Partien laufen parallel, und das mit sehr unterschiedlichen Spielregeln.
Führung als Spielführung.
Die wirtschaftlichen Spiele der Zukunft werden daher nicht von brillanten Strategen entschieden, sondern von Organisationen – von Teams, die unterschiedliche Spiellogiken verstehen und gemeinsam handeln können. Der Zukunftsforscher Jonathan Brill bringt die Herausforderung auf den Punkt: In komplexen Systemen besteht eine zentrale Führungsaufgabe darin, Organisationen so aufzustellen, dass sie auf unterschiedliche Szenarien vorbereitet sind. Unternehmensführung wird zur Spielführung. Wie ein Trainer entscheidet sie, welches Team auf welchem Spielfeld antritt. Führen bedeutet nicht mehr, selbst den nächsten Zug zu bestimmen – sondern starke, resiliente Teams mit den richtigen Fähigkeiten in die richtigen Spiele zu schicken. Am Ende entscheidet nicht der beste Zug, sondern welches Team auf welchem Spielfeld steht und so lange dominiert, bis die Stabsübergabe ans nächste Team erfolgt. Denn egal ob Schach, Poker oder Risiko: Das neue Spiel ist ein Marathon mit dynamischen Team-Sprints.
Was das für Executive Search bedeutet
Die Konsequenz im Executive Search: Gesucht werden nicht mehr primär Führungspersönlichkeiten, die ein einzelnes Spielfeld perfekt beherrschen, sondern solche, die zwischen unterschiedlichen Spiellogiken wechseln können. Gefragt sind strategische Urteilskraft, hohe Anpassungsfähigkeit und die Fähigkeit, in Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben.
Ebenso entscheidend sind soziale und organisationale Kompetenzen: die Fähigkeit, Teams zu orchestrieren, unterschiedliche Perspektiven zu integrieren und kollektive Leistungsfähigkeit zu entwickeln.
Entsprechend rückt für uns die gezielte Zusammenstellung von Führungsteams in den Fokus – und damit von wettkampfstarken Mannschaften, die gemeinsam mehrere Spiele gleichzeitig spielen können.
Entscheidend sind daher Führungskräfte, die nicht nur die nötigen Fähigkeiten, sondern auch die passende Haltung mitbringen. Auswahlprozesse müssen daher über Lebensläufe hinausgehen und Werte, Motivation und Veränderungsbereitschaft berücksichtigen. Ebenso wichtig ist ein Onboarding, das die Unternehmenskultur erlebbar macht: Wie Entscheidungen fallen, Zusammenarbeit funktioniert und was das Unternehmen in guten wie in schlechten Zeiten prägt.
Wie das konkret aussieht, zeigen drei kürzlich abgeschlossene Mandate:
- Für ein mittelständisches Industrieunternehmen mit globaler Ausstrahlung und in Private-Equity-Besitz suchten wir einen Chief Commercial Officer. Die Neubesetzung erfolgte im Kontext der schnellen Umsetzung einer globalen Diversifizierungsstrategie. Der platzierte Kandidat hat insbesondere in den krisengeschüttelten Märkten einen beeindruckenden Leistungsausweis.
- Wir begleiteten ein industriegeprägtes Unternehmen im Transformationsprozess mit internationaler Marktpräsenz und wachsendem regulatorischem Druck. Hier wurde der Verwaltungsrat gezielt verstärkt – mit einem Mitglied, das über ausgewiesene Erfahrung in industriellen Ökosystemen, geopolitischer Risikosteuerung und digitaler Transformation verfügt, um die strategische Neuausrichtung aktiv zu begleiten und die Governance in einem zunehmend komplexen Umfeld zu stärken.
- Wir platzierten eine CEO EMEA für ein global tätiges Technologieunternehmen. Die Kandidatin verfügte über ausgewiesene Erfahrung im Spannungsfeld der für die Kundin wichtigen Themen: Nearshoring in sanktionsbetroffenen Märkten.
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